Geduld

 

 

Geduld bezeichnet die Fähigkeit, unsere inneren Wünsche und Sehnsüchte beiseite zu stellen und statt dessen zu warten. Die Geduld kann sich auf alle Lebensbereiche beziehen. Man braucht Geduld in allen Lebensbereichen. Als Kind und Jugendlicher braucht man Geduld, um die Zeitspanne abzuwarten bis man erwachsen ist. In der Schule braucht man Geduld beim Lernen und bei der Gartenarbeit benötigt man Geduld, um warten zu können bis das Gemüse gewachsen ist. 

Die heutige Zeit ist geprägt mit dem gesellschaftlichen Motto „höher, schneller, weiter“. Diese innere Einstellung hat sich im Laufe der letzten Jahre stetig in unser Gehirn und unseren Körper eingeprägt und so langsam aber stetig die Geduld vertrieben. Alles muss schnell gehen, die Arbeit, die Entwicklung im Leben, ja sogar die Reifung des Menschen. Selbst bei gesundheitlichen Themen muss es schnell gehen und die Heilung soll am besten sofort eintreten. Es mangelt der Menschheit etwas an Geduld. Niemand hat mehr so richtig Zeit. In manchen Dingen des Lebens mag diese Schnelligkeit funktionieren. Doch in den grundlegenden Lebensbereichen geht es nur mit Geduld.

 

Beginnend vor der Geburt des menschlichen Lebens, wird bereits von Seiten der Eltern Geduld verlangt. Die Eltern müssen neun Monate warten und Geduld zeigen bis das neue Wesen die Erde betreten kann. Man kann nichts beschleunigen und verkürzen! Die Natur hat es so gemacht und wir müssen uns als Menschen unterordnen. Ebenso ist es mit der Entwicklung des Kindes. Der Mensch kann die Entwicklung des Kindes fördern, aber mehr auch nicht. Jedes Kind hat seine eigene Entwicklung und Schnelligkeit dabei. 

 

 

Doch auch hier sind manche Menschen enttäuscht, wenn ein Kind mit einem Jahr noch nicht läuft und versuchen es an den Händen nach oben zu ziehen oder gar auf die Füße zu stellen. Oder das Kind spricht mit drei Jahren noch nicht genügend, schon muss ein Kinderarzt her. Manchmal braucht der Mensch etwas Geduld und muss der Natur vertrauen, dass es gut wird. Aus Sicht des Yoga fehlt hier das innere Vertrauen, das Vertrauen, dass alles seine Zeit braucht und dann gut wird. Dieses Urvertrauen sitzt im Muladhara-Chakra am unteren Ende der Wirbelsäule. Alles im Leben hat seine innere Zeit und das muss so sein, um ein solides inneres Wachstum erreichen zu können. 

Parallel zur inneren Welt, steht die äußere Welt ebenso unter dem Druck, funktionieren zu müssen. Die meisten Dinge im Leben müssen zügig gehen und rechtzeitig fertig werden. Schafft der Mensch es nicht, so wird er innerlich unruhig und unzufrieden. In der äußeren Welt gibt es Termine und Zeiten für bestimmte Dinge und Tätigkeiten. Sie stehen unter dem wirklichen Druck, erledigt werden zu müssen. Doch was passiert, wenn der Mensch plötzlich krank wird? Termine müssen und können dann plötzlich verschoben werden. Doch trotz dieser Möglichkeiten hat die Person wieder den inneren Druck und das Bedürfnis arbeiten zu müssen. Somit sollte die Heilung schnell gehen, die Behandlung rasch erfolgen. Das beinhaltet, dass der Aufwand für die Behandlung gering gehalten werden sollte. Der Mensch kann nicht zu lange warten, um eine geduldige Behandlung durchzuführen. Dies würde Zeit kosten und Zeit hat man nicht immer übrig. Geduld fehlt. Eine konsequente Behandlung und Heilung kann nur im gewissen Zeitmaß erfolgen. Manche Dinge lassen sich nicht beschleunigen. So wird der Schmerz und die Einschränkung des Körpers oft medikamentös vertuscht und kurzfristig beseitigt. So schaut es aus, als ob alles wieder gut wäre und man weiter machen kann mit seinem Alltag.

 

Gerade bei chronischen Erkrankungen ist viel Geduld gefragt. Doch wieviele nehmen sich wirklich die Zeit für diesen Dinge des Lebens?

Geduld ist auch wichtig im Yoga! Wieoft erwartet man Erfolge in Beweglichkeit, Kraft und seelisch-geisitgem Fortschritt. Geduld ist die Fähigkeit, warten zu können. Muskeln beispielsweise lassen sich in relativ kurzer Zeit kräftigen, Sehnengewebe braucht Zeit. Sie lassen sich nur schwer und über einen langen Zeitraum in die Länge ziehen. So hat man im Yogaüben oft das Gefühl, dass sich nichts bewegt. Geduld ist wichtig. Jeder Körper ist unterschiedlich und benötigt verschieden Zeit. Vergisst man diesen Zustand, so kommt man unter Druck, etwas erreichen zu müssen. Es ist auch im Yoga schwierig, sich aus der weltlichen Sicht der Dinge zu befreien und Geduld zu zeigen. Geduld ist wirklich eine Tugend. Die Fähigkeit des Menschen, warten zu können, zieht viel Erfolg und Frienden nach sich. Übt sich der Mensch in Geduld, so nährt er sich der Natur an. Die Natur ist Geduld pur. Bäume und Pflanzen wachsen hier in einem bestimmten, kosmischen Rhythmus. Die Pflanzen denken nicht, dass sie schneller wachsen könnten oder müssten. Sie tun das was sie tun müssen, da es von der Natur vorgegeben ist. Sie fügen sich der inneren Ordnung, die den ganzen Kosmos erfüllt. Sie widersetzen sich nicht wie der Mensch dieser Ordnung. So bleiben sie verbunden mit dem Einen. Nur der Mensch mit seiner Fähigkeit des Denkens möchte sich dieser Ordnung entziehen. Er macht die Nacht zum Tage und versucht, naturgegebene Gesetze zu beschleunigen. Dies jedoch bringt nicht immer Segen mit sich. 

 

 

 

 

 

 

Handelt der Mensch mit Geduld, so macht er die Dinge achtsam und behutsam. Er vermeidet viele Fehler, die gemacht werden, wenn man zu schnell voran kommen möchte. Mit innerer Geduld werden Tätigkeiten und Lebenssituationen besser und intensiver erlebt. Man ist mehr im Hier und Jetzt. Durch Ungeduld macht man Fehler, da die Gedanken bereits weiter vorangeschritten sind und die physische Tätigkeit noch weit zurück liegt. Man ist nicht mehr bei der Sache und passt nur noch ungenügend auf.

 

In dem Wort Geduld steckt der Begriff „dulden“. Etwas dulden bezeichnet die Fähigkeit, Dinge so hinzunehmen wie sie sind, ohne diese verändern zu wollen. Auch wenn Dinge einem nicht gefallen und zu langsam erscheinen, kann man es hinnehmen und erdulden. Manche Dinge sind nicht zu verändern und es bleibt einem nichts anderes übrig. Dinge mit Geduld betrachten zu können ist schwierig. Nur wer innerlich gefestigt und verwurzelt ist, kann Geduld zeigen. Er weiß, dass nicht alles im Können des Menschen liegt, in die Geschehen eingreifen zu können. Das Muladhara-Chakra hilft, sich zu verwurzeln und das Vertrauen und die Hoffnung zu bekommen, dass alles gut wird und richtig ist. Vertraue in das Leben und gib allem die Zeit zu werden.